S L O W  Artikel HSt. 28.7.20

Der Künstlerbund Heilbronn zeigt die Ausstellung "Slow"

Heilbronn  Nur keine Hektik: 30 Mitglieder des Künstlerbunds Heilbronn haben sich Gedanken zum Thema "Slow" gemacht. Die Werke, die dabei entstanden sind, sind bis zum 23. August beim Kunstverein zu sehen.

27. Juli 2020, 17:39 Uhr

Update: 27. Juli 2020, 17:39 Uhr von Michaela Adick

"Eins" lautet der Titel dieser Arbeit von Andreas Nikolaus Franz. Lässt man sich auf die Schau ein, gibt es viele politische Statements zu entdecken.

Einszweidrei im Sauseschritt, läuft die Zeit. Wir laufen mit." Wilhelm Busch hatte gut stöhnen, damals, im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Zeiten waren plötzlich so anders geworden, so unsicher und schnell. Die Industrialisierung forderte ihren Tribut. Und heute, beinahe 150 Jahre später? Stöhnen die Menschen immer noch, die Sprache hat sich geändert, die Sorgen ähneln sich. Nur dass die Industrialisierung eben inzwischen durch ein anderes Schreckgespenst ersetzt worden ist: die Digitalisierung.

Zeit für den Künstlerbund Heilbronn, der bis zum 23. August beim Kunstverein zu Gast ist, unter dem Motto "Slow" Einhalt zu gebieten. Nur keine Hektik. Entschleunigt euch, besinnt euch. Sonst holt euch noch so ein Schreckgespenst: der Burn-out. Und dann ist es zappenduster. Denn niemand wird euch retten. Auch Superman nicht.

Es gibt in der Ausstellung viele politische Statements zu entdecken

Den Comic-Helden hat sich Kirsten "Kiki" Brunner in ihrem Digitaldruck "Fast becomes Slow. What goes up" vorgenommen. Kopfüber fällt er, der Retter in der Not, der sich mit einem Mal als hilflos erweist. In einer Spiegelung zeigt Brunner indes nicht ihn, den Mann im blau-roten Strampelanzug, sondern einen Hirten, der sich gemächlich um seine ihm anvertrauten Tiere kümmert. Ein politisches Statement, wie es in der klug gehängten Gruppenausstellung viele zu entdecken gibt.

Man muss sich nur auf die Arbeiten einlassen. Auf Werner Dorsch etwa, diesen Präzisionskünstler, der mit dem Prinzip der optischen Täuschung arbeitet und den Betrachter seiner "Squares in Slow Motion" schwindelig werden lässt.

"Slow": Künstlerbund Heilbronn zu Gast beim Kunstverein, Allee 28. Bis zum 23. August. Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr.

Oder Peter Lahr, der in vier Tableaus das Entstehen eines Aktes dokumentiert. "Malerei", so befindet Peter Lahr, "ist eingefrorene Zeit." Apropos Dokumentation, apropos eingefrorene Zeit. Claudia Böhm zeigt eine auf den ersten Blick unscheinbare Fotodokumentation "Von acht bis acht". Böhm hatte dazu eine Wanne mit Wachs gefüllt, in den Garten gestellt, die Wanne erhitzt und stündlich mit der Kamera dokumentiert, was sich in ihrem Versuchsobjekt tut. Ein beschaulicher Prozess, nüchtern dokumentiert, der den Betrachter zu entschleunigen weiß.

Entschleunigung in der Natur: Christine Beck zeigt eine romantische Waldszene, Brigitta Loch mit großzügiger Geste Schnecken, das Symbol der Slow-Food-Bewegung. Auch den Sinsheimer Künstler Klaus Maschanka zieht es in die Natur. Doch die Natur bei ihm ist nicht friedlich, alle Camping-Heimeligkeit hin oder her. Ein Paddelboot treibt im Fluss. Menschenleer. Eben waren sie noch da.

30 Mitglieder des Künstlerbundes haben sich Gedanken zum Thema "Slow" gemacht. Die Werke, die dabei entstanden sind, sind bis zum 23. August beim Kunstverein zu sehen.

Fotos: Ralf Seidel

Hoch komplexe Künstlerbücher treffen auf Muscheln, Stifte und Steinchen

Die Welt ohne uns: Das ist ein Thema, das viele der dreißig teilnehmenden Künstler umtreibt. Sarah Lehnert etwa, mit Ende 20 das jüngste Mitglied des Heilbronner Traditionsvereins. Sie zeigt in ihrer Reihe "Mahagonny" - frei nach Bert Brecht - Arbeiten, in denen sie Brecht"sche Gestalten nach und nach in Tiere verwandelt.

Eine Metamorphose, die den Betrachter staunen lässt und in einer Postkartenedition käuflich zu erwerben ist. Und so schließt sich bei Lehnert der Ideenkreis: Bei ihr geht ein politischer Ansatz mit dem Gedanken an eine überforderte Natur einher, Literarisches mit dem Gedanken an die gute alte Schneckenpost. Snail Mail statt E-Mail.

Auch das ist eine Botschaft, die in der Assemblage der Künstlerin Petra Grupp ihre logische Fortsetzung findet. Petra Grupp zeigt hoch komplexe Künstlerbücher und eine Assemblage von Muscheln, Stiften und Steinchen. Allesamt sind es Fundstücke, die von einer uralten Kassette von Sänger Cat Stevens gekrönt werden. "Gedanken zu Kronos und Kairos" hat Grupp ihre Sammlung genannt. Lass sie als Paten über "Slow" wachen, die Götter der Zeit und des richtigen Augenblicks, der nur gepflückt sein will. Es sind nicht die schlechtesten Schutzgötter.